Die Superkraft in uns

An sich glauben und die eigene Stärke entdecken: In ihrem ersten Kinderbuch „Affenstark“ erzählt die Kieler Autorin Christine Bielecki vom kleinen Affen Elvis, der sich ständig mit anderen vergleicht – bis er erkennt, welche Superkraft selbst in ihm steck.

Tipps für Kids: Frau Bielecki, Sie schreiben bereits seit einiger Zeit Sach- und Ratgeberbücher. Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?

Christine Bielecki: Ich habe mit 17 begonnen, für eine Lokalzeitung zu schreiben. Schreiben war schon immer ein wichtiger Teil meines Lebens, und ich hatte bereits als Teenager die Vorstellung, Bücher schreiben zu wollen. Nach meinem Studium habe ich zunächst als Sportjournalistin gearbeitet, und 2012 ist mein erstes Buch erschienen – für den Werkstatt-Verlag – heute Teil von Delius-Klasing.

Sie haben bisher vor allem für Erwachsene geschrieben. Was war beim Schreiben eines Bilderbuches anders – und was hat Ihnen daran besonders Freude gemacht?

Es ist jedenfalls nicht einfacher für mich gewesen, als einen Ratgeber für Erwachsene zu schreiben. Ich kann mir vorstellen, dass es auf den ersten Blick so aussieht: wenig Text, wenige Seiten, viele Bilder – doch Kinderbücher zu schreiben, unterliegt ganz anderen Bedingungen. Man muss zum Beispiel erst mal auf den Gedanken kommen, dass lange Dialoge nicht bebildert werden können. Text und Bild müssen also immer stimmig sein. Es ist – und ich vermute, das wird unterschätzt – eben Arbeit. Das Schönste war ehrlich gesagt, als der größte Teil meiner Arbeit dann vorbei war, und ich durch die Illustrationen sehen konnte, wie meine Figuren lebendig wurden.

Vor Kurzem ist nun Ihr erstes Kinderbuch erschienen. Wie fühlt es sich an, mit „Affenstark“ ein ganz neues literarisches Kapitel aufzuschlagen?

Ich wollte schon immer Kinderbücher schreiben. Ich war sechs Jahre alt, konnte also noch nicht schreiben, als ich meinem älteren Bruder eine Geschichte erzählte, die er als Comic zeichnete. Kinderbücher waren für mich eine magische Welt. Nun habe ich selbst Kinder, habe ihnen unzählige Bücher vorgelesen, und natürlich ist das etwas Besonderes für mich – eine Art Kindheitstraum, der sich erfüllt hat.

„Das Besondere sehen wir in den anderen, selten in uns selbst.“

Was ist die Kernbotschaft der Geschichte und was hat Sie an der Hauptfigur des Äffchens „Elvis“ besonders gereizt?

Ich beantworte zunächst den letzten Teil Ihrer Frage: Es ist ganz klar, um was man Springaffen oder Totenkopfäffchen beneiden kann. Dieses Wendige, Leichtfüßige. Sie klettern wie Weltmeister, springen mit einer unglaublichen Sicherheit von Ast zu Ast. Und doch ist ein Affe jetzt kein Tier, das so bewundert wird wie der Löwe, so geliebt wird wie der Elefant und auch kein Trendtier wie das Lama oder das Capybara. Und das wollte ich mit Elvis transportieren: dieses Gefühl, das jeder von uns kennt. Das Besondere sehen wir in den anderen, selten in uns selbst. Das deutlich zu machen, war die Herausforderung an der Hauptfigur. Die Kernbotschaft der Geschichte ist aber: Wir alle tragen eine Superkraft in uns, die wir total unterschätzen: nämlich die Atmung. Sie kann viel mehr bewirken, als wir glauben.

Elvis zweifelt an sich und vergleicht sich mit anderen Tieren. Kennen Sie solche Gedanken auch aus Ihrem eigenen Leben oder aus Ihrer Arbeit?

Ja, natürlich. Ich sehe das permanent bei Kindern, mit denen ich arbeite, bei meinen eigenen Kindern, Freunden und Freundinnen meiner Kinder und natürlich bei mir selbst. Die sozialen Netzwerke haben das nicht besser gemacht, sondern zeigen uns permanent, in welchen Welten, welchen Häusern, welchen Jobs wir leben könnten … Ich habe, als meine Kinder noch im Kindergartenalter waren und ich selbstständig war, permanent andere selbstständige, erfolgreiche Mütter bewundert, mich gefragt, warum es bei mir nicht so läuft, warum mein Leben anders verlaufen ist. Es hat gedauert und ist ein fortlaufender Prozess, meine eigenen Stärken anzuerkennen.

Die bewusste Atmung hilft Elvis dabei, ruhiger zu werden und an sich selbst zu glauben. Welche Bedeutung haben Achtsamkeit und Atmung für Sie persönlich?

Ich bin auf jeden Fall diejenige, die sich aus Versehen die Autotür an den Kopf schlägt und dann in die Notaufnahme muss. Ich mache gerne Scherze darüber, dass ich, die Yogalehrerin, sozusagen die Achtsamkeit in Person bin. (lacht) Für mich bedeutet Achtsamkeit allerdings vor allem, Dinge bewusst wahrzunehmen, an die ich mich vielleicht gerne wieder erinnere. Das sind meistens die kleinen Dinge. Ich bin mir sehr bewusst darüber, dass nichts im Leben und schon gar nicht das Leben selbst selbstverständlich ist. Dankbarkeit und Achtsamkeit liegen sehr nahe beieinander. Was die Atmung betrifft: Sie ist für mich nicht nur – weil überlebenswichtig – ein wesentlicher Teil meines Lebens, sondern eine meiner wichtigsten Regenerationsmaßnahmen. Ich versuche, mich mindestens einmal am Tag an einen Moment der achtsamen Atmung zu erinnern. Das muss auch nicht lange dauern. Mein Tipp ist bewusste Atmung, während man im Stau steht. Den Frust und den Ärger darüber einfach wegatmen, indem man Atemübungen macht, ganz simpel, so etwas wie die 4-7-8-Atmung beispielsweise. Dann hat man irgendwann den Stau überlebt und zusätzlich noch etwas für die Gesundheit getan.

Was können Erwachsene Ihrer Meinung nach von Elvis lernen?

Ich glaube, eine ganz wichtige Botschaft ist: Der andere mag ja toll sein, aber ich bin es auch. Und: Wenn wir aufgeregt sind und das Gefühl haben, etwas nicht zu schaffen, verfallen wir meistens in Schnappatmung. Dann hingegen kurz innehalten, an das sprichwörtliche „tief durchatmen“ denken.

Das Interview führte Maya Schukies

Foto: Nikolaus Burgard

CHRISTINE BIELECKI
Christine Bielecki ist Autorin, Sportwissenschaftlerin und Yogalehrerin. Die Spiegel-Bestsellerautorin lebt seit 2018 mit ihrer Familie in Kiel. Mit „Affenstark“ hat sie sich einen lang gehegten Wunsch erfüllt: ihr erstes eigenes Kinderbuch.

AFFENSTARK
Äffchen Elvis bewundert die Superkräfte der anderen Tiere – doch was kann eigentlich er
selbst besonders gut? Ein weises Lama hilft ihm, zu entdecken, wie Atmung, Konzentration
und Achtsamkeit ihm Mut geben können. Eine Geschichte über Selbstvertrauen und die eigenen Stärken – mit Atemübungen im Anhang.
C. Bielecki, I. Grunwald (Illustr.), maauwikids, 26 S., 20 Euro

Aufmacherfoto: Claudia Ast

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